10
Februar
2021
|
16:18
Europe/Amsterdam

Wie ermutigen wir talentiertere Frauen und Mädchen zu MINT-Fächern?

Sechs Frauen bei BIOTRONIK teilen ihre Erfahrungen

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den 11. Februar zum Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft ernannt

Obwohl Frauen die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, sind sie in Studienfächern wie Statistik, Mathematik und Ingenieurwissenschaften noch deutlich unterrepräsentiert. Weniger als zehn Prozent der Studierenden sind hier weiblich. Zudem sind nur etwa 30 Prozent der weltweit Forschenden Frauen. Jüngste UNESCO-Statistiken zeigen auch, dass Frauen im MINT-Bereich (Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik) weniger veröffentlichen, weniger für ihre Forschungsarbeit verdienen und auf der Karriereleiter nicht so weit kommen wie ihre männlichen Kollegen.

Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Frauen in der Wissenschaft sind Innovationstreiber. Ob es sich um den ersten zugelassenen COVID-19-Impfstoff handelt, die Entdeckung neuer Elemente wie Radium und Polonium zur Krebsbehandlung oder das Verständnis der DNA-Struktur – bei wissenschaftlichen Durchbrüchen spielen Frauen schon lange eine entscheidende Rolle. Daher ist die Förderung weiblicher wissenschaftlicher Talente ein wichtiger Schritt, um Innovationen anzustoßen und Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen.

Um Diskussionen anzuregen, wie wir mehr wissenschaftliche Talente entdecken und entwickeln können, hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 11. Februar zum Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft ernannt. Anlässlich dieses wichtigen Tages haben wir sechs Frauen, die in herausfordernden technischen Positionen bei BIOTRONIK arbeiten, interviewt. Wir haben sie gefragt, wie sie zu ihren Fachgebieten gekommen sind und welchen Rat sie Mädchen und jungen Frauen geben, die über eine Karriere in der Wissenschaft nachdenken.

Frühes Mentoring ist wichtig

„Für die Naturwissenschaft, die Physik im Speziellen, hat mich tatsächlich mein Physiklehrer begeistert. Die Entscheidung, das Fach auch zu studieren kam dadurch, dass mir Mathematik – die Sprache der Physik – immer leichtfiel. Besonders attraktiv fand ich die Denkweise und die logische Herangehensweise an Problemstellungen, die ich auch heute in meinem Beruf noch gut gebrauchen kann“, berichtet Dr. Sarah Biela. Als Director of EP Product Management leitet sie ein Team aus Marketing- und Produktmanagern in BIOTRONIKs Geschäftseinheit Elektrophysiologie. „Ich mag besonders das alltägliche „Der-Sache-auf-den-Grund-Gehen“, also das Vermessen und Analysieren, bis man die Fakten versteht. Man muss nicht alles glauben, was jemand sagt.“

Die Entscheidung für ein MINT-Fach fiel auch bei Dr. Janine Broda und Philine Baumann-Zumstein bereits während ihrer Schulzeit. „Ich habe mich früh für die Chemie entschieden. In der Schule hatte ich eine tolle Chemielehrerin, die mich seit der ersten Stunde für das Fach begeisterte”, erinnert sich Dr. Janine Broda, deren Team unter anderem die Produktionsabläufe für aktive Implantate in Berlin sicherstellt und optimiert.

Philine Baumann-Zumstein, Manager Preclinical Affairs Department
Als wir im Biologieunterricht das Thema Gentechnik durchnahmen, wusste ich, dass ich darüber mehr lernen möchte.
Philine Baumann-Zumstein, Manager Preclinical Affairs Department

Auch die Erfahrung von Philine Baumann-Zumstein, verantwortlich für präklinische Tests in der Geschäftseinheit Vaskuläre Interventionen im schweizerischen Bülach, verdeutlicht den prägenden Einfluss von Lehrkräften und Mentoren. Ihr Chemielehrer trug maßgeblich zu ihrer Entscheidung für eine naturwissenschaftliche Laufbahn bei. „Als wir im Biologieunterricht jedoch das Thema Gentechnik durchnahmen, wusste ich, dass ich darüber mehr lernen möchte.“

Club Lise zu Besuch bei BIOTRONIK

Dass weibliche Vorbilder und praktische Unterstützung für junge Mädchen wichtig sind, macht Sofia Binias deutlich. Insbesondere die Bedeutung frühzeitiger Förderung motivierte Binias, die BIOTRONIKs Qualitätssicherungsteam für Herzschrittmacher und Defibrillatoren leitet, sich im Club Lise zu engagieren. Club Lise ist ein deutsches Mentoring-Programm für Schülerinnen, die an einer künftigen wissenschaftlichen Karriere interessiert sind. Seit 2012 ermöglicht Binias im Rahmen des Programms Besuche für Mädchen der zehnten Klasse bei BIOTRONIK. „So können Mädchen und junge Frauen unser Unternehmen besuchen, mit uns sprechen und herausfinden, was wir jeden Tag tun”, erklärt Binias. „Ich möchte damit Mädchen ermutigen, ein naturwissenschaftliches Studium zu starten. Es ist wichtig, dass Frauen ihr Talent für Technik schon während der Schulzeit entdecken. Auf diese Weise können sie später einen wertvollen Beitrag für Wissenschaft und Industrie leisten.“

Die Leiterin des Club Lise Programms, Susanne Spintig, betont, wie wertvoll die Möglichkeit für die Schülerinnen sei, ihre Mentorinnen am Arbeitsplatz zu besuchen. „Dabei geht es nicht darum, den Mentorinnen direkt nachzueifern. Mentees reflektieren gemeinsam mit Mentorinnen darüber, wie Karrieren, Strategien und Erfahrungen adaptiert werden können, um eigene Wege zu finden und diese zu begleiten“, erzählt Spintig. „Insbesondere der professionelle Empfang bei unseren BIOTRONIK-Mentorinnen ist jedes Jahr etwas ganz Besonderes und nachhaltig beeindruckend. So werden von Mentees und Alumna des Club Lise Praktika bis hin zur Werkstudierendentätigkeiten bei BIOTRONIK absolviert.“

Auch am Schweizer Standort in Bülach bietet BIOTRONIK mit der Organisation von Student Days oder der Beteiligung am Nationalen Zukunftstag Jugendlichen und Kindern immer wieder die Möglichkeit, einen Einblick in die Welt der Medizintechnik zu erhalten.

Wissenschaftliche Karrieren beginnen mit wissenschaftlicher Neugier und Leidenschaft

Obwohl frühzeitiges Mentoring einen großen Einfluss auf die spätere Berufswahl haben kann, betonen die interviewten Kolleginnen, dass das Wichtigste persönliches Interesse sei. „Ein Studium der Naturwissenschaften eröffnet einem viele Möglichkeiten und Optionen für spätere Tätigkeiten. Die Entscheidung dafür sollte jedoch nicht allein aufgrund von Karrieregesichtspunkten getroffen werden. Vielmehr sollten das eigene Interesse und die Leidenschaft für die Wissenschaft den Ausschlag geben“, meint Dr. Anke Topp. Die promovierte Chemikerin leitet ein interdisziplinäres Team aus Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen, das sich mit der Entwicklung von Fertigungs- und Prüftechnologien für Stents beschäftigt.

„Sei neugierig, mutig und selbstbewusst, aber hinterfrage dich selbst auch immer wieder. Folge dem, was deine Neugier weckt“, rät die Biotechnologin Baumann-Zumstein. „Man wird immer einen Traumjob haben, solange man das tut, was man liebt.“

Sofia Binias, Senior Engineer Quality Assurance Planning
Schülerinnen sollten nicht zu früh einen bestimmten Beruf vor Augen haben, sondern Schritt für Schritt vorgehen. Erst überlegen, welche naturwissenschaftlichen Fächer Spaß machen und diese dann studieren.
Sofia Binias, Senior Engineer Quality Assurance Planning

Auch Mentorin Sofia Binias sagt, dass die Begeisterung für die Wissenschaft eine wichtige Voraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere sei. „Schülerinnen sollten nicht zu früh einen bestimmten Beruf vor Augen haben, sondern Schritt für Schritt vorgehen. Erst überlegen, welche naturwissenschaftlichen Fächer Spaß machen und diese dann studieren“, empfiehlt sie.

„Bleib neugierig und offen. Versteife dich nicht auf einen Plan – meist kommt es ja doch anders als man denkt. So gesehen gibt es keine Misserfolge, sondern wertvolle Erfahrungen“, fügt Dr. Broda hinzu. „Man sollte den Weg gehen, der einem Spaß macht und sich dabei nicht unterkriegen lassen.“

Auch Soft Skills sind wichtig

Nicht zuletzt sollten Mädchen und Frauen, die eine wissenschaftliche Karriere in der Wirtschaft anstreben, die jeweilige Branche im Auge behalten und wissen, welche zusätzlichen praktischen Kenntnisse gefragt sind.

„Falls eine Tätigkeit in der Industrie angestrebt wird, ist es von Vorteil, sich parallel zu wirtschaftlichen Themen weiterzubilden, zum Beispiel durch Betriebswirtschaftslehre als Nebenfach“, erklärt Dr. Petra Heerklotz, promovierte Biologin und Direktorin Design Control & Risk Management in der Geschäftseinheit Vaskuläre Interventionen in Bülach. „Auch empfiehlt sich der Einstieg in die Industrie über Praktika oder eine Abschlussarbeit bei einem Unternehmen. Bewerberinnen sollten also schauen, was geeignete Unternehmen gerade suchen bzw. anbieten.“

Dr. Petra Heerklotz, Director of Design Control & Risk Management at BIOTRONIK’s Vascular Intervention headquarters
Der Einstieg in die Industrie empfiehlt sich über Praktika oder eine Abschlussarbeit bei einem Unternehmen. Bewerberinnen sollten also schauen, was geeignete Unternehmen gerade suchen bzw. anbieten.
Dr. Petra Heerklotz, Director of Design Control & Risk Management at BIOTRONIK’s Vascular Intervention headquarters

„Wichtig sind auch die sogenannten Soft Skills, wie Verhandlungsgeschick, Diplomatie und Kommunikationsstärke, um Interessen durchzusetzen und für Verständnis zu werben. Und außerdem Teamwork. Wir arbeiten bei BIOTRONIK immer im Team“, ergänzt Sofia Binias.

Auf die zusätzlich gefragte soziale Kompetenz sowie starke kommunikative Fähigkeiten gehen auch die Naturwissenschaftlerinnen Dr. Broda und Dr. Biela ein. „Ich bin ein Mensch, der Zahlen, Daten und Fakten mag und diese spielen bei meiner Arbeit eine große Rolle“, sagt Dr. Broda. „Gerade die Mitarbeiterentwicklung und Beziehungspflege im Team funktioniert aber eher auf der emotionalen Ebene – auch sie ist also wichtig“, erklärt sie.

„Oft wird naturwissenschaftliches Knowhow benötigt, das aber nicht jeder versteht. Früh zu üben, wie man Fachfremden komplexe Sachverhalte vermittelt, halte ich deswegen für sehr wichtig“, fügt Dr. Biela abschließend hinzu.