23
Februar
2021
|
09:10
Europe/Amsterdam

Ihr Herz hat noch immer Priorität: ESC-Kampagne macht auf sinkende Anzahl von Herzinfarkt-Behandlungen aufmerksam

von Dr. Ilka Neumann

Gewisse Dinge können trotz weltweit grassierender Pandemie nicht warten. Ein kardiovaskulärer Notfall beispielsweise muss sofort versorgt werden. Nach wie vor ereignen sich Herzinfarkte und Schlaganfälle – auch wenn es derzeit den Anschein hat, als wäre die Welt um uns herum fast zum Stillstand gekommen. Herzforscher*innen haben im vergangenen Jahr bei Patient*innen, die nach erlittenem Herzinfarkt oder Schlaganfall eine Notfallversorgung in Anspruch nahmen, besorgniserregende Trends festgestellt. Deshalb ist es für uns als Mediziner*innen umso wichtiger zu verdeutlichen, dass es bei einem kardiovaskulären Notfall entscheidend ist, so schnell wie möglich Hilfe zu suchen. Darüber hinaus hat die Versorgung für uns Ärztinnen und Ärzte nach wie vor höchste Priorität. Bei kardiovaskulären Ereignissen wie einem Herzinfarkt und Schlaganfall zählt jede Minute.

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Haben Patient*innen Angst, ihre Symptome zu melden?

Angesichts der beunruhigenden Daten über die Anzahl der Besuche in den Notaufnahmen zur kardiovaskulären Versorgung verdienen Kampagnen wie Can't Pause a Heart der European Society of Cardiology (ESC) unsere besondere Unterstützung. Eine von der ESC durchgeführte umfangreiche Befragung medizinischer Fachkräfte in 141 Ländern ergab, dass die Krankenhäuser im Durchschnitt 50 Prozent weniger Einweisungen von Herzinfarkt-Patient*innen verzeichneten als vor der Pandemie. Der Rückgang der Krankenhauseinweisungen löste in der kardiologischen Fachwelt Alarm aus. Ärzt*innen stellten die Hypothese auf, dass sich zahlreiche Patient*innen aus Sorge vor einer COVID-19-Infektion nicht an eine Notaufnahme wandten. Diese Hypothese schien sich zu erhärten, als eine spätere Studie eine höhere Inzidenz von Herzstillständen „außerhalb des Krankenhauses“ feststellte.

Zudem wurde bei der ESC-Umfrage festgestellt, dass Patienten und Patientinnen den Gang in die Notaufnahme hinauszögerten. Begründet wird das vor allem durch folgende Erkenntnis: Bei Patient*innen, die sich überhaupt gemeldet hatten, berichteten 48 Prozent des befragten Personals von Fällen, bei denen das optimale Zeitfenster für eine Behandlung überschritten wurde.

 

Wir haben Patienten und Patientinnen erlebt, die mit Infarkten, die bereits ein paar Tage zurückliegen, zu uns in die Klinik gekommen sind. Das verschlimmert ihre ganze Situation und für uns wird es umso schwieriger, adäquate Hilfe zu leisten.
Prof. Dr. Michael Haude, Chefarzt am Lukaskrankenhaus Neuss

Dies ist ein besorgniserregender Trend, den viele Kardiolog*innen schon zu Beginn der Pandemie beobachtet haben. „Die Patienten und Patientinnen hatten Angst, zum Arzt zu gehen, auch wenn sie [Herz-]Beschwerden hatten“, erklärte Prof. Dr. Michael Haude, Chefarzt des Lukaskrankenhaus Neuss, auf dem von BIOTRONIK veranstalteten virtuellen Wissenschaftstreffen triple-i. „Wir haben Patienten und Patientinnen erlebt, die mit Infarkten, die bereits ein paar Tage zurückliegen, zu uns in die Klinik gekommen sind. Das verschlimmert ihre ganze Situation und für uns wird es umso schwieriger, adäquate Hilfe zu leisten“.

Die ESC hat sich mit dem American College of Cardiology zusammengetan, um Menschen dazu zu bewegen, den Gang in die Notaufnahme auf keinen Fall aufzuschieben. Gleichzeitig haben die Präsidenten der renommierten US-amerikanischen Cleveland- und Mayo-Kliniken einen gemeinsamen Meinungsartikel in der New York Times verfasst, in dem sie darauf hinweisen, dass Krankenhäuser immer noch sicher sind und in Notfällen durchaus aufgesucht werden können.

Was sollten Patient*innen wissen und wie können Ärzt*innen sie beruhigen?

In diesem Sinne tragen die ESC-Kampagne und ihre Unterstützer*innen dazu bei, Patient*innen davon zu überzeugen, dass es trotz aller Pandemie-bedingten Stressfaktoren immer noch sicher und auf jeden Fall ratsam ist, sich in medizinische Notfallversorgung zu begeben. Die Gesundheit des Herzens ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung und Patient*innen sollten so schnell wie möglich eine Notaufnahme aufsuchen, wenn sie mögliche Symptome eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls bei sich bemerken. Patient*innen, die bei einem kardiovaskulären Ereignis frühzeitig versorgt werden, habe nicht nur eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit, sondern auch ein geringeres Risiko für bleibende Schäden. Mögliche Symptome sind:

  • Ein brennendes oder einengendes Gefühl in der Brust, das auch im Arm, Rücken, Bauch, Rachen, Kiefer oder Nacken auftreten kann
  • Plötzliche Kurzatmigkeit
  • Zeitweise Übelkeit oder starkes Schwitzen
  • Bei Schlaganfall: Lähmungserscheinungen im Gesicht, Arm oder Bein, zusammen mit Schwierigkeiten beim Sprechen

Wenn diese Symptome länger als fünf Minuten andauern, wird dazu geraten, einen Krankenwagen zu rufen. Krankenhäuser rund um den Globus haben Hygienemaßnahmen getroffen, um eine sichere Notfallversorgung auch während der Pandemie zu ermöglichen. Je mehr wir über das Virus und die Vermeidung von Infektionen lernen, desto besser werden die entsprechenden Maßnahmen.

 

Wir sind besser vorbereitet. Wir haben jede Menge Masken und genügend Schutzausrüstung.
Dr. Manel Sabate, Chefarzt der Interventionellen Kardiologie an der Universitätsklinik Barcelona

Krankenhäuser sind auf die Pandemie vorbereitet

„Wir sind besser vorbereitet. Wir haben jede Menge Masken und genügend Schutzausrüstung“, versicherte Dr. Manel Sabate, Chefarzt der Interventionellen Kardiologie an der Universitätsklinik in Barcelona, auf dem triple-i-Meeting. „Wir haben den normalen Betrieb beibehalten und keine anderen notwendigen Behandlungen abgesagt“.

Als Ärztinnen und Ärzte sollten wir darüber hinaus auch die hohe Belastung berücksichtigen, die unsere Patient*innen infolge der Pandemie ertragen müssen. Wir sollten unser Bestes tun, um ihnen die Sicherheit zu geben, dass die Gesundheit des Herzens auch weiterhin absolute Priorität hat.