28
März
2022
|
06:00
Europe/Amsterdam

Wie effektiver Strahlen- und Arbeitsschutz im Herzkatheterlabor aussehen können

Herzkatheterlabore sind im Hinblick auf den Arbeitsschutz problematische Arbeitsplätze. Einerseits bedingt die Arbeit unmittelbar in der Nähe der Strahlenquelle eine hohe Strahlenbelastung für Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegepersonal. Dies betrifft insbesondere die nicht durch Röntgenschutz abgedeckten Bereiche wie Augen, Kopf und Halsgefäße  [1, 2], wo schwerwiegende Schäden entstehen können – von Katarakten bis hin zu Hirntumoren [3]. Andererseits belastet selbst insuffiziente Röntgen-Schutzkleidung durch das hohe Gewicht den Bewegungsapparat, so dass bereits nach fünf Jahren 85 Prozent der interventionell tätigen Ärztinnen und Ärzte über Schmerzen oder Schäden an der Wirbelsäule klagen [4]. Jeder zusätzliche Strahlenschutz bedingt so zugleich mehr Gewicht für den Mitarbeitenden. Gibt es eine Lösung für dieses Dilemma? Der interventionell tätige Kardiologe Dr. Mathias-Christoph Brandt, Oberarzt am Uniklinikum Salzburg, liefert in diesem Beitrag spannende Einblicke in die Praxis und verrät, was Zero-Gravity leisten kann, um den Strahlen- und Arbeitsschutz im Herzkatheterlabor zu optimieren und auch mehr Ärztinnen für die interventionelle Kardiologie zu gewinnen.

 

Ein Einblick in die Arbeitswelt von interventionell tätigen Kardiologinnen und Kardiologen

Einen Großteil ihres Arbeitstages verbringen interventionell tätige Kardiologinnen und Kardiologen am Kathetertisch und klassischerweise in einer Röntgenschürze, die 6-10 kg wiegt. Interventionen können unter Umständen lange dauern – bei komplexen Bifurkationen oder chronischen Gefäßverschlüssen können es bis zu zwei Stunden sein. „Ich arbeite vorwiegend im Herzkatheterlabor, bis zu 90 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich hier. Mein Tag im Herzkatheterlabor geht morgens um 7.30 Uhr mit den ersten Fällen los. Die Kernarbeitszeit endet eigentlich um 16 Uhr – häufig wird unser Einsatz aber auch darüber hinaus gebraucht“, berichtet Dr. Brandt. Dabei ist das Aufgabenspektrum interventioneller Kardiologen und Kardiologinnen vielfältig und beinhaltet diagnostische Angiographien, Interventionen an Herzkranzgefäßen oder peripheren Gefäßen bis hin zu TAVI-Implantationen. Das spannende Aufgabenspektrum hat aber auch eine Schattenseite: „Wir bezahlen unsere Arbeit mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für Gesundheitsschäden“, erklärt Dr. Brandt.

Wir sehen eine besorgniserregende Häufung von aggressiven Hirntumoren bei interventionellen Kardiologinnen und Kardiologen, die viele Jahre im Katheterlabor gearbeitet haben. Diese treten zu 85 Prozent linksseitig auf, also auf der Seite der Strahlenquelle, und haben eine sehr schlechte Prognose.

Dr. Mathias-Christoph Brandt, Oberarzt am Uniklinikum Salzburg

Welchen Risiken sind Medizinerinnen und Mediziner im Herzkatheterlabor ausgesetzt?

In mehreren Studien und Befragungen von interventionell tätigen Kardiologinnen und Kardiologen zeigt sich ein besorgniserregendes Bild: 50 Prozent von ihnen haben Katarakt-Vorstufen der Augenlinse [5], die Häufigkeit für Atherosklerose der linksseitigen Halsgefäße war erhöht [2] und bis zu 85 Prozent der Untersuchten hatte entweder Wirbelsäulenbeschwerden oder Muskelschmerzen [4]. Letztere sind sicher auf das Gewicht der Strahlenschutzkleidung sowie dadurch bedingte Haltungsschäden zurückzuführen. „Zusätzlich sehen wir eine besorgniserregende Häufung von aggressiven Hirntumoren bei interventionellen Kardiologinnen und Kardiologen, die viele Jahre im Katheterlabor gearbeitet haben. Diese treten zu 85 Prozent linksseitig auf, also auf der Seite der Strahlenquelle, und haben eine sehr schlechte Prognose“, warnt Dr. Brandt. Neben den Auswirkungen der erhöhten Strahlenbelastung und Problemen mit dem Bewegungsapparat geben AssistentInnen und ÄrztInnen im Katheterlabor auch an, häufiger an Depressionen und Angstzuständen zu leiden. Diese könnten auf eine hohe Arbeitsbelastung und viel Stress deuten.

     

Bisheriger Schutz scheint nicht optimal

Trotz des hohen Gewichts bieten konventionelle Bleischürzen mit Schilddrüsenschutz nur einen unzureichenden Schutz vor Streustrahlung. „Bleischürzen besitzen große Ausschnitte für die Arme an beiden Seiten. Im Katheterlabor arbeiten wir aber gerade mit der linken Köperseite zur Strahlenquelle gewandt, sodass die Strahlung durch die Schulter hindurch eine breite Schneise hat, und nahezu kontinuierlich in den Thorax einstrahlt. Das ist ein Risiko für chronische Strahlenschäden. Wir wissen, dass medizinisches Personal, das dauerhaft am Kathethertisch arbeitet, ein höheres Risiko für Sarkome im Mediastinum hat – und weibliche Kolleginnen für Mammakarzinome“, erläutert Dr. Brandt. Zudem sind die Augenlinsen und der Kopf durch konventionelle Bleischürzen nicht geschützt. Bleiglas-Brillen geben zwar einen gewissen Schutz, stehen aber meist im falschen Winkel zur von links schräg unten auftreffenden Streustrahlung.

Dr. Mathias-Christoph Brandt, Oberarzt am Uniklinikum Salzburg

Daher hat das Katheter-Team an der Uniklinik Salzburg vor zwei Jahren das Zero-Gravity System eingeführt. „Dieses von einem Gelenkarm an einer Deckenschiene geführte System verfügt über eine wesentlich stärkere Blei-Armierung für den Körper. Es reicht bis zu den Unterschenkeln und ist zudem erweitert durch Protektoren für die Schultern sowie einen großen Blei-Acrylglas-Kopfschutz, der Augen und Kopf vor Streustrahlung abschirmt“, so Dr. Brandt. „Und das Beste: Für die Untersucher ist das System völlig schwerelos! Im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts haben wir mittels Live Dosimetrie untersucht, wie hoch die Belastung durch Streustrahlung für Untersuchende und Beidienste in der täglichen klinischen Praxis tatsächlich ist. Die Ergebnisse haben uns überrascht: Sie haben gezeigt, wie stetig Streustrahlung beim medizinischen Personal ankommt – trotz eines vollständig ausgestatteten Katheterlabors mit allen etablierten Systemen wie deckengeführtem Bleischild, Untertisch-Bleischutz und Patienten-Bleiauflage“, erzählt Brandt und ergänzt: „Mit Zero-Gravity haben wir eine Reduktion der Streustrahlung in verschiedenen Körperbereichen der Untersuchenden von bis zu 97 Prozent gemessen.“

 

 

Zero-Gravity trägt zu einem effizienten Arbeitsschutz bei

Dr. Brandt und sein Team sind vom Zero-Gravity überzeugt, da es gleich zwei Probleme löst, die mit klassischen Strahlenschutzsystemen bestehen: Erstens gibt es mit Zero-Gravity keine chronische Gewichtsbelastung für Hüfte, Schultern und Wirbelsäule. Und zweitens schützt Zero-Gravity mit dem Blei-Acrylglas-Kopfschutz und der zusätzlichen Armierung an den Schultern sensible Körperbereiche wie Augenlinsen und Thorax vor Strahlen. Eine aktuelle Studie hat den effizienten Strahlenschutz des Systems kürzlich bestätigt: Für Erstuntersuchende konnte die Streustrahlung um mehr als 90 Prozent gegenüber konventionellen Bleischürzen reduziert werden.

„Aus der täglichen Praxis weiß ich, dass Zero-Gravity noch einen weiteren Vorteil hat: Durch das an der Decke verankerte System trage ich als Anwender die Schutzkleidung nur, wenn ich sie wirklich brauche – nämlich unmittelbar am Kathetertisch. In dem Moment, in dem ich vom Tisch abtrete, ob auf dem Weg in den Kontrollraum oder in die Umkleide, bin ich bereits vom Bleischutz befreit. Im Ergebnis führt das zu einer Effizienzsteigerung und Arbeitsoptimierung“, ergänzt Brandt.

Ich bin sehr dankbar, dass die Uniklinik Salzburg in das Zero-Gravity System investiert hat. Neben diesem verbesserten Strahlenschutz am Arbeitsplatz hat sie auch Gesundheits- und Präventionsprogramme für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Leben gerufen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass guter Arbeitsschutz enorm wichtig ist.

Dr. Mathias-Christoph Brandt

Arbeitgeberattraktivität zeichnet sich auch durch Gesundheitspräventionsprogramme und hohe Arbeitsschutzstandards aus

„Wir sind sehr glücklich mit Zero-Gravity und haben das System wirklich ins Herz geschlossen. Ich denke, dass ein besserer Strahlenschutz und die Gewichtsreduzierung dieser Systeme auch dazu beitragen können, dass mehr Frauen im Katheterlabor arbeiten“, meint Dr. Brandt. Denn Zahlen belegen, was in der Praxis kein Geheimnis ist: Frauen in der interventionellen Kardiologie sind noch immer unterrepräsentiert. In den Vereinigten Staaten sind nur 4,5 Prozent der interventionellen Kardiologen weiblich und nur 2,8 Prozent der Angioplastieverfahren werden von Frauen durchgeführt. Laut Experten aus dem Feld stellen besonders die körperlichen Anforderungen und die Strahlenbelastung im Katheterlabor Hindernisse für Kardiologinnen dar. Gute Arbeitsschutzmaßnahmen und Gesundheitspräventionsprogramme kommen aber natürlich allen Klinikmitarbeitenden zugute und steigern die Attraktivität als Arbeitsgeber. „Ich bin sehr dankbar, dass die Uniklinik Salzburg in das Zero-Gravity System investiert hat. Neben diesem verbesserten Strahlenschutz am Arbeitsplatz hat sie auch Gesundheits- und Präventionsprogramme für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Leben gerufen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass guter Arbeitsschutz enorm wichtig ist. Meine Empfehlung an alle Interventionalisten ist daher, dass auch sie ihren Arbeitsplatz kritisch hinterfragen – es gibt immer Optimierungsbedarf, gerade beim Arbeits- und Gesundheitsschutz“, konstatiert Dr. Brandt.

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Referenzen:

1. Picano, E.; Vano, E.; Domenici, L.; Bottai, M. ; and Thierry-Chef, I., Cancer and non-cancer brain and eye effects of chronic low-dose ionizing radiation exposure. BMC Cancer, 2012. 12: p. 157.

2. Andreassi, M.G.; Piccaluga, E.; Gargani, L.; Sabatino, L.; Borghini, A.; Faita, F.; Bruno, R.M.; Padovani, R.; Guagliumi, G. ; and Picano, E., Subclinical carotid atherosclerosis and early vascular aging from long-term low-dose ionizing radiation exposure: a genetic, telomere, and vascular ultrasound study in cardiac catheterization laboratory staff. JACC Cardiovasc Interv, 2015. 8(4): p. 616-27.

3. Roguin, A.; Goldstein, J.; Bar, O. ; and Goldstein, J.A., Brain and neck tumors among physicians performing interventional procedures. Am J Cardiol, 2013. 111(9): p. 1368-72.

4. Klein, L.W.; Tra, Y.; Garratt, K.N.; Powell, W.; Lopez-Cruz, G.; Chambers, C.; Goldstein, J.A.; Society for Cardiovascular, A. ; and Interventions, Occupational health hazards of interventional cardiologists in the current decade: Results of the 2014 SCAI membership survey. Catheter Cardiovasc Interv, 2015. 86(5): p. 913-24.

5. Vano, E.; Kleiman, N.J.; Duran, A.; Romano-Miller, M. ; and Rehani, M.M., Radiation-associated lens opacities in catheterization personnel: results of a survey and direct assessments. J Vasc Interv Radiol, 2013. 24(2): p. 197-204.