10
September
2020
|
09:20
Europe/Amsterdam

Telemedizin ermöglicht Herzpatienten auf dem Land eine zeitgemäße und sichere Versorgung

Experteninterview mit Dr. Matthias Hoffmann

Zusammenfassung

Eine telemedizinische Betreuung könnte Herzpatienten in ländlichen Gebieten und auf den Inseln eine ähnlich gute Versorgung wie in der Stadt bieten, weiß Matthias Hoffmann, Kardiologe in der größten kardiologischen Gemeinschaftspraxis in Nordfriesland in Husum.

Home Monitoring Daten

Sie betreuen Ihre Patienten telemedizinisch aus der Ferne?

Das kommt darauf an. Wer krank ist oder Beschwerden hat, kommt in die Praxis. Routinenachsorgen von Patienten mit Herzschrittmachern oder implantierbaren Defibrillatoren (ICD) betreuen wir häufig telemedizinisch.

 

Warum müssen Implantatträger überhaupt regelmäßig zum Arzt?

Implantate sind komplexe Hightech-Geräte und müssen regelmäßig überprüft werden. Daher sollen die Patienten bis zu dreimal im Jahr zur Nachsorge zu kommen.

Für die meist älteren und z.T. immobilen Patienten und deren Angehörige ist das ein großer Aufwand. Gerade im ländlichen Raum sind Fachärzte selten und oft weit entfernt. In Nordfriesland gibt es nur fünf Kardiologen, die sich um die Nachsorge kümmern. So wird aus einer nur fünfminütigen Routinekontrolle schnell eine Tagesreise, vor allem für Inselbewohner. Telemedizinische Funktionsanalysen würden Land- und Inselbewohner, aber auch uns, sehr entlasten.

 

Welche Vorteile sehen Sie in der telemedizinischen Nachsorge?

In die Praxis kommen die Patienten lediglich zweimal pro Jahr. Telemedizinisch können wir die Patienten aber kontinuierlich betreuen. Mithilfe eines Smartphone-ähnlichen Übertragungsgerätes werden alle Herz- und Implantatdaten nachts automatisch übertragen und auf einer Monitoringplattform hinterlegt. Wir rufen diese mehrfach wöchentlich online ab, um den Gesundheitszustand und die Funktionstüchtigkeit des Implantates zu prüfen. In der aktuellen Pandemiezeit unsterstützt uns die telemedizinische Betreuung dabei, unsere Patienten vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, ohne unsere Nachsorgepflicht zu vernachlässigen.

Erkennt das Monitoringsystem eigenständig, wenn sich der Patientenzustand verschlechtert?

Ja, und das oft deutlich früher, als der Patient selbst. Durch die engmaschige Datenübertragung nimmt das System auch asymptomatische Grenzwertüberschreitungen und Rhythmusstörungen wahr und benachrichtigt uns umgehend. So können wir die Patienten bedarfsgerecht einbestellen und behandeln. Die Früherkennung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, schwerwiegende Komplikationen, wie z.B. Schlaganfälle, Fehltherapien und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.

Dr. Matthias Hoffmann
Die Früherkennung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, schwerwiegende Komplikationen, wie z.B. Schlaganfälle, Fehltherapien und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.
Dr. Matthias Hoffmann

Reduziert die Telemedizin auch die Zeiten der Patienten in der Praxis?

Teilweise. Die Präsenzbesuche von weitestgehend fitten und beschwerdefreien Patienten mit Herzschrittmachern oder ICDs können via Home Monitoring sicher reduziert und Nachsorgeintervalle verlängert werden. Herzinsuffizienzpatienten mit Hinweisen auf mögliche Probleme sowie ICD-Träger mit Bewusstseinsverlusten oder unklaren Schockabgaben, wollen wir aber häufiger in der Praxis sehen.

 

Sehen Sie Ihre Patienten dann gar nicht mehr?

Ganz so ist es nicht. Die Behandlungsleitlinien geben vor, Implantatträger regelmäßig auch persönlich anzusehen, um neben dem Funktionscheck auch den allgemeinen Gesundheitszustand zu beurteilen. In Abhängigkeit von der Krankheitsschwere kann aber in vielen Fällen die Anzahl der persönlichen Besuche reduziert werden.

 

Wird die telemedizinische Betreuung von den Kassen erstattet?

Telemedizinische ICD-Kontrollen können regulär abgerechnet werden. Leider gilt das aber nicht für die dazu notwendigen Transmitter zur telemedizinischen Datenübertragung. Die Kosten der Geräte werden nur von einzelnen Kassen und in Ausnahmefällen übernommen.

Herzschrittmacherpatienten wird gar keine telemedizinische Betreuung gewährt. Das ist besonders schade, da sie die Mehrheit der Implantatträger ausmachen und in der Regel älter sind. Gerade auf dem Land sind diese Patienten durch die umständliche Anreise zu den Routinekontrollen stark belastet.

Auch das, für die Früherkennung essentielle „kontinuierliche Monitoring“, wird leider nicht vergütet - obwohl Studien belegen, dass es die Überlebenschancen der Patienten verbessert. Ohne den Abbau dieser Hürden bleibt es schwierig, Implantatpatienten eine zeitgemäße und sichere Versorgung zu ermöglichen.

 

Dieses Interview erschien in gekürzter Form im Gesundheitsleitfaden für Deutschland.