29
Juni
2021
|
13:41
Europe/Amsterdam

Mit E-Health die Prävention vor der Behandlung stärken

Zusammenfassung

Die Digitalisierung revolutioniert das Gesundheitswesen. Doch wenn es darum geht, innovative E-Health-Anwendungen in den medizinischen Alltag zu integrieren, tun sich zahlreiche Hürden auf. Im Interview spricht Roberto Belke, Vice President Marketing & Sales bei BIOTRONIK Deutschland, über das Gesundheitssystem der Zukunft, die Chancen der Künstlichen Intelligenz und Härtetests durch Auftrags-Hacker.

Digitales Arbeiten

Seit 1963 entwickelt BIOTRONIK innovative Produkte und Services zur Behandlung von Herzkreislaufpatienten. Wo stehen Sie heute?

An der Schwelle vom Entwickler smarter Medizinprodukte zum Anbieter von digitalen Lösungen zur Optimierung klinischer Prozesse. Als Pionier der Telemedizin hat BIOTRONIK vor über 20 Jahren mit seiner Home Monitoring-Technologie das weltweit erste webbasierte Telemonitoring-System zur kontinuierlichen Fernbetreuung von Herzpatienten auf den Markt gebracht. Hiermit war es Ärzten erstmals möglich, tagesaktuelle Implantat- und Herzdaten ohne Zutun der Patienten bequem aus der Ferne abzurufen und kritische Veränderungen frühzeitig aufzuspüren. Hierauf aufbauend, haben wir vor fünf Jahren begonnen, Lösungen zu entwickeln, mit denen die Patientenversorgung ganzheitlich und fachübergreifend organisiert und verbessert werden kann.

Es geht also um die Einbindung von Daten in ein größeres System?

Genau. Auf der großen „E-Health-Wiese“ tummeln sich unzählige, oft gute Lösungen. Sie bringen für sich allein genommen aber nur wenig – solange es uns nicht gelingt, die Daten zentral zu bündeln und in klinische Abläufe zu integrieren.

Roberto Belke, Vice President Marketing & Sales, CENEMEA Region
Unser Gesundheitssystem ist sehr therapiefokussiert. Großes Zukunftspotenzial sehe ich in der höheren Gewichtung der Prävention. Die Kombination aus Big Data und KI bildet eine wesentliche Voraussetzung dafür, komplexe medizinische Zusammenhänge erkennen und personalisiert behandeln zu können.
Roberto Belke, Vice President Marketing & Sales, CENEMEA Region

Bei der Entwicklung von digitalen Prozessen arbeitet BIOTRONIK eng mit SEMDATEX zusammen. Wie sieht die Partnerschaft aus?

SEMDATEX ist ein junges Software-Unternehmen, das digitale Lösungen zur Unterstützung einer sektorenübergreifenden und interdisziplinären Versorgung entwickelt. Die Basis bildet eine digitale Plattform, über die der gesamte Behandlungsprozess transparent abgebildet und ganzheitlich gesteuert werden kann. Neben Untersuchungsbefunden und Therapien, lassen sich z.B. Nachsorge- und Medikationsdaten einbinden und mithilfe moderner Informations- und Kommunikationstechnologien leicht zwischen Gesundheitsakteuren und Patienten austauschen. Hierdurch eröffnen sich neue Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten und die Chance einer patientenorientierten Versorgung. Außerdem bietet sie Patienten mehr Teilhabe und Autonomie – etwa durch die Einbindung von Wearables und Apps. Der ganzheitliche Patientenmanagementansatz von SEMDATEX geht somit weit über das reine Herzrhythmusmanagement hinaus und bezieht zusätzliche Informationen mit ein.

Welche Rolle spielt die Künstliche Intelligenz dabei?

Eine wichtige! Unser Gesundheitssystem ist sehr therapiefokussiert. Großes Zukunftspotenzial sehe ich in der höheren Gewichtung der Prävention. Die Kombination aus Big Data und KI bildet eine wesentliche Voraussetzung dafür, komplexe medizinische Zusammenhänge erkennen und personalisiert behandeln zu können. Hierfür braucht es große Datenmengen. Ein aktuelles EU-gefördertes Projekt (TIMELY) z.B. untersucht, ob und wie sich kardiale Risiken und Komplikationen bei KHK-Patienten mithilfe von KI zuverlässig prognostizieren lassen – mit dem Ziel, die Behandlung evidenzbasiert und leitliniengetreu optimal zu steuern. Zusammengefasst kann KI also helfen, einzugreifen bevor ernsthafte Krankheiten entstehen – also die Prävention stärken und Behandlungen reduzieren.

Telemedizin und digitale Anwendungen sollen die Arzt-Patienten-Beziehung unterstützen und helfen, die Sprechzeiten so effektiv wie möglich zu nutzen.
Roberto Belke
Arzt und Patient

Was behindert die Entwicklung?

Ein großes Hindernis ist die Befürchtung der Patienten, den persönlichen Kontakt zum Arzt zu verlieren. Das ist aber unbegründet. Im Gegenteil, Telemedizin und digitale Anwendungen sollen die Arzt-Patienten-Beziehung unterstützen und helfen, die Sprechzeiten so effektiv wie möglich zu nutzen. Auch Sicherheitsbedenken darüber, ob und inwieweit die digital verarbeiteten Daten vor Cyberangriffen und Missbrauch geschützt sind, hemmen die Entwicklung.

BIOTRONIK nimmt diese Sorgen sehr ernst und lässt die Zuverlässigkeit und Sicherheit seiner telemedizinfähigen Implantate und des Monitoring Systems regelmäßig überprüfen – u.a. von sog. White Hat Hackern. Das sind Hacker, die im Auftrag von Unternehmen versuchen, Sicherheitslücken in der IT-Infrastruktur aufzuspüren und diese zu hacken. Natürlich nutzen wir aber auch gängigere Präventivmaßnahmen, wie Antiviren-Software, Spyware-Entfernungstools und starke Firewalls.

Neben den o.g. Gründen mangelt es in Deutschland an kooperativen Versorgungsstrukturen und sektorenübergreifenden Schnittstellen. Wir benötigen einen technischen und finanziellen Rahmen, der die intersektorale und durchgängige Kooperation zwischen stationärem und ambulantem Leistungsbereich ermöglicht – ohne einen IT-Spezialisten oder Abrechnungsexperten hinzuziehen zu müssen.

Ihr Appell für die Zukunft?

Eine optimale Patientenversorgung erfordert die kooperative Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen mit gemeinsamen Qualitätsansprüchen und eine faire Vergütung. E-Health-Anwendungen können helfen, die Prozesse in der Gesundheitsversorgung zeitgemäßer und effizienter zu organisieren -– wenn die sektorale Trennung aufgebrochen wird. Dem Einsatz digitaler Technologien fällt dabei eine wesentliche Rolle zu: Sie macht Kompetenzen und interdisziplinäre Expertise orts- und zeitunabhängig zugänglich und nutzbar. Das hierfür nötige Zusammenspiel erfordert jedoch gut strukturierte Prozesse. E-Health-Plattformen und Netzwerke schaffen den Rahmen, um all das zu realisieren.

Dieses Interview erschien in gekürzter Form im +3 Magazin der Süddeutschen Zeitung.