04
April
2020
|
18:20
Europe/Amsterdam

Magnesium-Stents eröffnen die Möglichkeit für eine regenerative Gefäßtherapie

Experteninterview mit PD Dr. Markus Wiemer

Zusammenfassung

Was wäre, wenn sich Stents aus einem körpereigenen Metall herstellen ließen, das sich anschließend selbst auflöst? Der Chefarzt Dr. Marcus Wiemer vom Universitätsklinikum Minden sieht darin viele Vorteile für Patienten.

Herr Dr. Wiemer, Ablagerungen in den Blutgefäßen sorgen für Durchblutungsstörungen und können zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen. Wie behandelt man eine solche Arteriosklerose?

Hier trifft es die Analogie zum Stollen in einem Bergwerk sehr gut. Zunächst müssen Sie das verengte Gefäß wieder freimachen. Das passiert mithilfe eines Ballonkatheters. Doch wie im Bergwerk reicht es nicht, einfach nur einen Durchgang zu schaffen, dieser muss anschließend auch stabilisiert und offengehalten werden. In den Gefäßen kommt dafür der sogenannte Stent zum Einsatz, ein röhrenförmiges Drahtgeflecht aus Edelstahl, der ähnlich wie ein Maschendraht aufgebaut ist.

 

Erste Stents wurden bereits Ende der 80iger Jahre eingesetzt. Bei all dem medizinischen Fortschritt heutzutage: Hat sich seitdem wirklich nichts verändert?

An dem Verfahren an sich hat sich nichts verändert, aber die Stents wurden in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt. Denn am Ende des Tages ist ein Stent ein Fremdkörper, auf den der Körper reagiert. Und diese Reaktionen konnten durch Verbesserungen an den Stents deutlich reduziert werden.

 

Von welchen Reaktionen sprechen wir hier?

Vereinfacht ausgedrückt sorgen Stents dafür, dass die durch den Ballonkatheter freigeräumten Ablagerungen in der Gefäßwand bleiben und dort stabilisiert werden. Klassische Stents bestehen aus Edelstahl und bleiben, einmal implantiert, in den Gefäßen. Im Normalfall wächst eine dünne Zellschicht der Gefäßwand, das Endothel, über die Streben des Stents. Geschieht dies nicht, aktiviert das die Thrombozyten im Blut, deren Aufgabe es ist, sich bei Gefäßverletzungen miteinander zu verkleben, um die betroffene wunde Stelle zu schließen. Die Folge wäre eine Thrombose, die einen akuten Verschluss oder Herzinfarkt nach sich ziehen kann. Um dem vorzubeugen, bekommen Patienten sogenannte Plättchenhemmer, die ein Verklumpen der Blutzellen verhindern. Zudem kann der Fremdreiz auf die Gefäßwand eine überschüssige Gewebewucherung in den Stent hinein hervorrufen.

Wie wirken sich diese Gewebewucherungen aus?

Das muss man sich wie eine überschießende Vernarbung vorstellen, die das Gefäß allerdings wieder verengt. Hier konnte die Forschung herausfinden, dass Chemotherapeutika, die ja letztendlich auch dafür entwickelt wurden, unkontrollierte Gewebewucherungen zu bekämpfen, diese unerwünschte Reaktion auf die Stents unterbinden. Entsprechend sind Drug-Eluting-Stents (DES), zu Deutsch Medikament-freisetzende Stents, heute der Goldstandard in der Therapie der Arteriosklerose. Sie verhindern eine solche Wucherung in den meisten Fällen.

 

Wenn der Stent als Fremdkörper Reaktionen im Körper auslöst, wäre es dann nicht logisch, ihn nach getaner Arbeit wieder zu entfernen?

Das wäre es in der Tat, da sich zum einen zeigt, dass die Stents in der Gefäßwand auch eine Entzündungsreaktion hervorrufen können. Zum anderen haben die relativ starren Stents auch einen Nachteil: Unsere Gefäße sind keine festen Röhren. Sie weiten oder verengen sich je nach Aktivität – beim Joggen beispielsweise, wo der Körper mehr Sauerstoff benötigt und mehr Blut gepumpt wird, sind die Gefäße weiter. Diese Gefäßbewegungen sind mit einem Stent nicht möglich. Aufgrund der Tatsache, dass der Stent jedoch mit der Gefäßwand verwächst, lässt er sich aber eben auch nicht mehr entfernen. Die einzig verbleibende Möglichkeit ist also, dass sich der Stent selbständig nach einer gewissen Zeit auflöst, wenn die gewünschte Stabilisierung nicht mehr gebraucht wird.

 

Solche bioresorbierbaren Stents gab es doch aber schon, oder?

Richtig, die sogenannten Polymer-Scaffolds, die aus einem selbstauflösen-den Kunststoff bestehen. Die Ergebnisse waren zunächst auch recht vielversprechend, konnten die Polymer-Scaffolds einige der Nachteile der DES scheinbar ausgleichen. Erste Studien haben gezeigt, dass sich die Gefäße wieder bewegen konnten und auch in der Gefäßwand weniger Ablagerungen zu finden waren. Es herrschte eine gewisse Euphorie und viele Unternehmen haben Milliarden in die Entwicklung der Polymer-Scaffolds gesteckt.

 

Warum sind die Polymer-Scaffolds dann wieder vom Markt verschwunden?

Am Ende des Tages müssen sich neue Entwicklungen immer mit dem Goldstandard der Therapie messen. Und entsprechende Vergleichsstudien haben gezeigt, dass sich die Polymer-Scaffolds gegen die herkömmlichen DES nicht behaupten konnten. Im Gegenteil: Die Thromboserate hat mit den Kunststoff-Gefäßstützen deutlich zugenommen. Das Konzept wurde damit vor etwa zwei Jahren gestoppt. Es hat sich gezeigt, dass Kunststoff das falsche Material war.

 

Das heißt, Sie denken, bioresorbierende Stents sind durchaus eine Option, wenn denn das richtige Material gefunden würde?

Das denke ich, ja, und das zeigt auch das Engagement der Firma BIOTRONIK auf diesem Feld. Anstatt auf Kunststoff zu setzen, hat sich BIOTRONIK von Anfang an auf Magnesium konzentriert. Der Clou dabei: Magnesium ist ein Elektrolyt, d.h. ein körpereigenes Metall. Die Wahrscheinlichkeit, dass es als Fremdkörper wahrgenommen wird, ist also nicht nur deutlich geringer, es ist auch stabiler als Kunststoff. Zudem ist Magnesium biologisch abbaubar – denken sie an Magnesiumbrausetabletten.

- PD Dr. med. Marcus Wiemer, Direktor der Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Johannes Wesling in Minden
Aus der Menge an Magnesium, die in einer Mineralwasserflasche enthalten ist, lassen sich rund zwölf solcher Gefäßstützen herstellen – die natürlich deutlich stabiler sind und sich im Körper erst nach etwa 12 Monaten auflösen.
- PD Dr. med. Marcus Wiemer, Direktor der Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Johannes Wesling in Minden

Klingt in der Tat vielversprechend. Doch wie ist der aktuelle Erkenntnisstand zu den Magnesium-Scaffolds?

BIOTRONIK hat es nach dem Flop der Polymer-Scaffolds nun natürlich deutlich schwerer, sich am Markt zu behaupten. Ich persönlich bin von der Ingenieursleistung sehr beeindruckt: Aus der Menge an Magnesium, die in einer Mineralwasserflasche enthalten ist, lassen sich rund zwölf solcher Gefäßstützen herstellen – die natürlich deutlich stabiler sind und sich im Körper erst nach etwa 12 Monaten auflösen. Eine große randomisierte Vergleichsstudie zum aktuellen DES-Standard steht zwar noch aus. Aber die bislang gesammelten Registerstudiendaten – zuletzt mit über 1.000 Patienten –fallen äußerst vielversprechend aus.

 

Für welche Patienten wäre ein Magnesium-Scaffold von Vorteil?

Gerade für jüngere Patienten und für Sportler hätten bewegliche, bio-resorbierbare Magnesium-Scaffolds einen großen Vorteil. Es kommt zum Glück nicht oft vor, aber ich hatte ein Kind in Behandlung, bei dem beim Fußball ein Trauma der Brust einen Herzinfarkt ausgelöst hat. Hier sind die Gefäße noch nicht ausgewachsen, weshalb der Magnesium-Scaffold klar im Vorteil wäre.

 

Dieses Interview erschien in der Publikation Zukunft Medizin (Ausgabe: April 2020) des in|pact mediaverlag.