07
Dezember
2020
|
13:19
Europe/Amsterdam

Ein implantierbarer Herzmonitor kann helfen, das Risiko eines erneuten Schlaganfalls zu minimieren

Interview mit Physiotherapeut Dominic Zeller

Zusammenfassung

Jährlich erleiden ca. 200.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall – davon 66.000 zum wiederholten Mal. Ein Schlaganfall kann jeden treffen, so auch den Physiotherapeuten Dominic Zeller. In einem Gespräch schilderte er uns wie es dazu kam und wie wichtig es ist, sich mit seinem Krankheitsbild und aktuellen Diagnostik- und Therapieoptionen auseinanderzusetzen.

Herr Zeller, Sie haben letztes Jahr einen Schlaganfall erlitten. Können Sie kurz beschreiben, was genau geschehen ist?

Ja, am 5. Dezember 2019 erlitt ich einen ischämischen Schlaganfall, das heißt, ein Blutgerinnsel hatte eine Arterie in meinem Gehirn verschlossen, so dass das betroffene Hirnareal nicht mehr durchblutet wurde. Daraufhin setzten Lähmungserscheinungen auf der linken Körper- und Gesichtshälfte ein und ich spürte, wie mein linker Arm und mein linkes Bein taub wurden. Dazu kamen Schluckbeschwerden. Ich bin Physiotherapeut und war gerade zum Hausbesuch bei einem Patienten, als mir beim Schreiben der Befunde plötzlich der Stift aus der Hand fiel. Mir ist es nicht gelungen, den Stift wieder zu greifen, geschweige denn weiterzuschreiben. Zuerst dachte ich nichts Schlimmes – mir wäre der Arm eingeschlafen oder ich hätte einen kleinen Schwächeanfall. Allerdings fing dann direkt die halbseitige Gesichtslähmung an, die ich in einem Spiegel des Patienten beobachten konnte. Als ich versuchte aufzustehen und auf meinem linken Bein nicht mehr stehen konnte, war mir relativ schnell klar, was passiert und in welcher ernsten Lage ich mich befinde.

Dominic Zeller, Physiotherapeut und Inhaber der Physiotherapiepraxis am Kahlenberg in Mühlheim an der Ruhr
Als Physiotherapeut habe ich häufig mit Schlaganfallpatienten zu tun und konnte die Symptome somit sehr schnell einordnen. 
Dominic Zeller, Physiotherapeut und Inhaber der Physiotherapiepraxis am Kahlenberg in Mühlheim an der Ruhr

Als Physiotherapeut habe ich häufig mit Schlaganfallpatienten zu tun und konnte die Symptome somit sehr schnell einordnen. Mein Patient hat den Notarzt gerufen, der mich nach Mühlheim an der Ruhr ins Krankenhaus gebracht hat. In der Notaufnahme wurden EKG, Schädel-CT und andere Untersuchungen durchgeführt. Ich verbrachte die nächsten 72 Stunden auf einer sogenannten Stroke Unit, einer speziellen Intensivstation für Schlaganfallpatienten. Ich bekam eine systemische Lysetherapie, die das Blutgerinnsel mithilfe eines starken Gerinnungshemmers (rtPA) auflösen konnte. Diese Therapie ist allerdings nur in den ersten drei bis vier Stunden möglich. Nachdem die Therapie angeschlagen hat, bildeten sich die halbseitigen Lähmungserscheinungen relativ schnell zurück.

Sie hatten also Glück, dass der Schlaganfall so schnell erkannt und behandelt werden konnte. Würden Sie sagen, Sie hatten Glück im Unglück?

Ja, absolut. Es war mein großes Glück, dass die ganze Notfallkette so schnell ablief – vom Erkennen der Symptome, über den sofortigen Notarztruf bis zur medikamentösen Notbehandlung. Ein großes Problem bei Schlaganfällen ist nämlich, dass sie häufig schmerzfrei auftreten. Anders als ein Herzinfarkt zum Beispiel, wo man die Symptome meist wahrnimmt und oft erkennt, sind die Symptome eines Schlaganfalls öfter diffus: Sie erstrecken sich von Seh- und Sprachstörungen-, über Lähmungserscheinungen und Schwindelanfällen bis hin zu Müdigkeit und Kopfschmerzen. Manche Schlaganfälle verlaufen aber auch völlig asymptomatisch. So ist die Gefahr groß, dass ein Schlaganfall zu spät erkannt und das Lyse-Fenster verpasst wird, in dem noch eine chemische nicht-invasive Auflösung des Blutgerinnsels möglich ist.

 

Welche Ursache wurde diagnostiziert? 

Die Ursache meines Schlaganfalls konnte leider nicht vollständig geklärt werden. Die Diagnose, mit der ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war ESUS (embolic stroke of undetermined source). Studiendaten legen nahe, dass kryptogene Schlaganfälle häufig durch Herzrhythmusstörungen ausgelöst werden, durch sog. Vorhofflimmern. Hierbei schlagen die Vorhöfe des Herzens schnell und unkontrolliert, was dazu führt, dass der Herzmuskel sich nicht mehr zusammenziehen, sondern nur noch „flimmern“ kann. Dadurch staut sich das Blut in den Herzkammern, kann verklumpen und Blutgerinnsel bilden. Wenn diese dann mit dem Blutstrom ins Gehirn gespült werden, können sie Gefäße verschließen und einen Schlaganfall auslösen. Vorhofflimmern wird gerade bei jüngeren Menschen oft nicht erkannt. Auch ich hatte bis dato nichts bemerkt.

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Was haben Ihnen die Ärzte in der Klinik nach der Diagnose geraten?

Nachdem sie ausgeschlossen hatten, dass der Schlaganfall durch einen Tumor verursacht wurde, äußerten sie die Vermutung, dass Vorhofflimmern der Grund für den Schlaganfall sein könnte. Da Vorhofflimmern meist unregelmäßig und asymptomatisch, also „still“, auftritt, ist es aber entsprechend schwer zu diagnostizieren. Die Ärzte rieten mir daher zu einem implantierbaren Herzmonitor (Eventrekorder), um den Herzrhythmus langfristig überwachen und Rhythmusstörungen zuverlässig erkennen zu können.

 

Warum hat die Klinik den Herzmonitor nicht direkt implantiert?

Das ging wohl nicht, weil Herzmonitore stationär nicht abgerechnet werden können. Daher hat mich die Klinik an einen niedergelassenen Kollegen überwiesen. Dieser hat den Einsatz des Ereignisrekorders zwar befürwortet, jedoch zugleich erklärt, dass die Krankenkasse die Kosten für einen Ereignisrekorder zur Abklärung von kryptogenen Schlaganfällen auch ambulant nicht übernehme.

 

Inzwischen haben Sie aber einen Ereignisrekorder. Wie ist es dazu gekommen?

Das war nicht ganz einfach: Zunächst habe ich mich direkt an meine Krankenkasse gewandt, um den Sachverhalt nochmals zu diskutieren. Als sie die Kostenübernahme weiter verweigerte, habe ich begonnen Studien zu Ereignisrekordern zu lesen und aktuelle Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten recherchiert um dem Ablehnungsschreiben der Kasse begründet entgegentreten zu können. Durch eine Mitarbeiterin der TK erfuhr ich dann von einem integrierten Versorgungsvertrag meiner Krankenkasse, in dem es Kardiologen möglich ist, Ereignisrekorder ambulant zu implantieren. Hierüber habe ich dann schlussendlich meinen BIOMONITOR implantiert bekommen.

Patient mit CardioMessenger Smart

Hatten Sie Ihr Ziel damit erreicht?

Leider noch nicht ganz. Der implantierte Herzmonitor zeichnete nun zwar fleißig alle Herzaktivitäten auf. Die Verbindung zum Kardiologen fehlte aber leider. Standardmäßig sind Nachsorgen in halbjährlichen Abständen vorgeschrieben. Studiendaten zeigen allerdings, dass bei einem so langen Zeitfenster Episoden häufig lange unentdeckt bleiben und das Risiko für Schlaganfälle dadurch deutlich steigt.Ich wusste aber, dass der BIOMONITOR auch die Möglichkeit einer telemedizinischen Betreuung bietet und Rhythmusstörungen innerhalb von 24 Stunden an den Kardiologen übermitteln kann. Das verbessert die Chancen einer zeitnahen Intervention - z.B. die Gabe eines Blutverdünners – enorm und senkt so die Gefahr, eines erneuten Schlaganfalls.

Für die telemedizinische Datenübertragung benötigt man jedoch ein spezielles Patientengerät, den CardioMessenger. Auch hierfür wollte die TK die Kosten nicht tragen. Da ich das Risiko eines weiteren Schlaganfalls aber nicht eingehen wollte, habe ich das Gerät im Wert von 1.800 Euro schließlich selbst bezahlt. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Schlaganfall kostet die Krankenkasse mehr als 40.000 Euro – ganz zu schweigen von der Wahrscheinlichkeit einer Arbeitsunfähigkeit als Langzeitfolge.

Dominic Zeller
Mithilfe des Home Monitorings ist mein Kardiologe fortlaufend über meinen Herzzustand informiert.
Dominic Zeller
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Wie oft sehen Sie Ihren Arzt jetzt tatsächlich?

Mithilfe des sog. Home Monitorings ist mein Kardiologe fortlaufend über meinen Herzzustand informiert. Daher sehe ich meinen Kardiologen nur, wenn sich etwas Auffälliges tut. Dadurch werden meine Nachsorgetermine recht individuell an den jeweiligen Bedarf angepasst. Über eine Patienten App kann ich meinem Arzt zudem akute Symptome oder Beschwerden mitteilen oder um Rückruf bitten. Auf diese Weise bleiben wir in Kontakt – ohne uns persönlich sehen zu müssen. Gerade in Corona-Zeiten empfinde ich das als großen Vorteil.

 

Was würden Sie anderen Betroffenen empfehlen?

Ich rate allen, sich intensiv mit ihrer Erkrankung und den aktuellen Diagnostik- und Therapieoptionen zu beschäftigen, einschlägige Literatur zu lesen und sich mindestens eine Zweitmeinung einzuholen. Nur so ist es möglich, sich ein realistisches Bild von der Situation zu machen und zu verstehen, welche Möglichkeiten und Rechte man als Patient hat. Eigentlich sollte unser Gesundheitssystem, in das wir alle einzahlen, eine zeitgemäße Versorgung und Prävention ermöglichen. In der Realität gibt es aber immer wieder Fälle, in denen man nicht das erhält, was einem zusteht. Hier sollte man hartnäckig bleiben und ggfs. widersprechen. Schließlich geht es hier um unser Leben!

 

Dieses Interview erschien erstmals im Magazin Vital.